28.10.2020

Was bedeutet der Begriff Sucht?

Ich habe Folgendes hin und wieder gehört: “Sucht kommt von suchen!“

Das ist eine in der Suchthilfe häufig benutzte Formulierung – eine Art Slangsatz – die sowohl in Selbsthilfegruppen als auch von Therapeut*innen hin und wieder verwendet wird.

Ausgedrückt wird damit eine psychologisch-philosophische Sichtweise, wonach der/die Süchtige etwas im Suchtmittel sucht, das er/sie eigentlich woanders finden müsste.

Und es wird eine Interpretationsmöglichkeit angeboten, wie das süchtige Phänomen eigentlich zu verstehen ist.

Nämlich als fehlgeleitete Sinnsuche, als Sehnsucht möglicherweise.

Offenbar soll uns die Sprache direkt zu einem tieferen Verständnis führen, sobald man – wie in diesem Fall – das Hauptwort auch als Verb nimmt.

Was hat die Sprache bei diesem Wort noch zu bieten?

Etymologisch gesehen hat sich der Begriff ‚Sucht‘ seit dem 8. Jh. mehrfach gewandelt.

Aus dem Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen kommend bedeutet der Begriff Sucht (suht) das Vorliegen von Krankheit im Sinne von ‚siech‘. Der Begriff als Suffix gewann danach die Bedeutung eines geistigen Anteils als krankhaftes Bedürfnis: Mondsucht, Fallsucht (Epilepsie), Tobsucht und Trunksucht. Dieser Bedeutungsakzent gilt seit der 2 Hälfte des 18. Jh. als veraltet. Die negative Bewertung von ‚Sucht‘ als übermäßiger Hang aus dieser Zeit führte auch zu Wortverbindungen die wir bis heute kennen und verwenden: Ruhmsucht, Herrschsucht, Habsucht, Rachsucht, Selbstsucht und Sehnsucht.

Seit dem 17. Jh. ist der Begriff volksetymologisch auch auf das einfache Wort ‚suchen‘ bezogen.

Der Begriff ‚süchtig‘ der bis zum 16. Jh. für ‚krank‘ stand, hat sich mit dem Bedeutungsaspekt des Triebhaften versehen zu ‚Sucht‘ entwickelt, welche Anfang des 20. Jh. die Bezeichnung von ‚rauschgiftabhängig‘ angenommen hat. Seitdem wird mit ‚Sucht‘ die Abhängigkeit von Rausch- und Genussmitteln verstanden.

Es ist erhellend, sich das Entwicklungsspektrum des Begriffs ‚Sucht‘ bewusst zu machen. Dieses Wort trägt eine kollektiv erzeugte Bedeutungsvielfalt in sich, die der Vielschichtigkeit einer Abhängigkeit durchaus gerecht wird. Der Begriff verweist mit seiner historischen Bedeutungsansammlung auf die Themen in einer Suchttherapie.

Eduard Luszas